
Manfred Keitel
Nachtflug zur Erde
Mauer-Verlag
ISBN 3-938606-26-6
mit Zeichnungen von Ulala
ich habe dich gespeichert mein Schatz
sie stehen im Denkverbot lese ich nun
jedes Hirn eine Zelle der Kopf die Membran
alles was einer denkt zerstört den Körper
o mein Schätzchen was machen wir denn da?
jeder gute Stammbaum ein starker Arm
die Gedanken sind auf die Spitze vertrieben
wir stechen sie alle wie Schmetterlinge tot
und bestaunen ihre leblosen Hüllen
nach und nach wächst die Gedankensammlung
Schatz nimm Verstand an und denk nicht selbst
dein Grübeln zermürbt nur wie Krebs
zerfrisst unseren Kopf und laust uns nicht
sie sind unbewohnt
ich pflücke Wolkenkratzer
Fallschirme mit Samen
retten sich
ein Volk von roten Ameisen
beobachtet mich
es ahnt nichts vom Blühen
unter Häusern
in mir vertrauter Fremde,
ungeahnt ich
spüre ich mein Lächeln
über die Wange
gleiten
für mich
und die nervösen Ameisen
einen Augenblick
endlos kurzen Sommers
lasst Sprachen sprechen
Ich Du Gemeinsamkeit: Mensch
Ich und Du: Wir! wir kommunizieren
es fehlt leider aber die Gelassenheit
ein Tier noch eins: zwei Hunde
die Hunde sind jetzt nur so ein Beispiel
die werden gelassen wie sie sind;
sie tanzen einander in die Herzen
brauchen keinen Therapeuten danach
das Geheimnis wird dich verlassen
du hast ein Geheimnis
das jeder kennt
doch keiner weiß
dass es dir verborgen ist
und keiner lüftet es
manchmal verdünnst du
deine sauren Tränen
in Korn und Schnaps
und spazierst gemütlich
dicht am Abgrund entlang
was offensichtlich ist
ist verblasst
bis zur Unsichtbarkeit
bis du soweit bist
es zu verstecken
dann wirst du es sehen
kalter Oktobermorgen
der Morgen roht
in ungeschliffener Pracht
letztes blasses Funkeln
in Wolken gebettet
Fenster flackern auf
erste Gesichter rinnen,
in die Straße hinab
der Flirt mit dem Tag
lässt noch alles offen
die Nesseln brennen
noch nicht
die Spinne reckt
ihre zarten Glieder
eine neue Gegenwart
weitet sich sacht aus
man fängt sich,
ein taubes Grinsen
(Manfred Keitel: Nachtflug zur Erde)

